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24.04.2005
Kommentar zu Barbara Vinken:
Der Muttermythos
Den "Mythos der deutschen Mutter" hat Barbara Vinken als Professorin und  Mutter im Privatleben und als Autorin  in der Öffentlichkeit offenbar  überwunden: Unter dem Titel "im Schatten des Mutterkreuzes" argumentiert sie im  Tagesspiegel vom 16.04.05, dass Frauen aufgrund dieses Mythos überzogene Ansprüche an ihre eigene Rolle als Mutter stellten. Dadurch gerieten sie in ein Dilemma, dass ihnen nur die Wahl zwischen Vollzeitjob oder Kindern ließe. Unter  Verweis auf französische und dänische Verhältnisse urteilt die Autorin, dass diese Selbstblockade lösbar sei.

Ob  deutsch oder doch international, die These vom Muttermythos ist sinnvoll und wird als "Mutterzentriertheit" von Vätergruppen bestätigt. Doch gerade die Allensbach-Studie, auf die Barbara Vinken ihre These stützt, zeigt, dass Frauen längst aus dem Schatten des Mutterkreuzes herausgetreten sind: Sie schöpfen die ganze Variationsbreite - von  Hausfrau bis Mutter mit Vollzeitjob - für  individuelle Lebensentwürfe aus. Einen Beleg für den Muttermythos macht Barbara Vinken daraus erst, indem sie ihren eigenen Lebensentwurf als "Karrieremutter" zu einem allgemeinverbindlichen Ideal aufwertet. Damit erhebt sie kritiklos die männliche Berufs-Leitkultur zum Maßstab weiblicher Souveränität.

 
Wirklich souverän wäre die Forderung, dass Väter ihrer Rolle als Ernährer zu Gunsten der  Kindesbetreuung reduzierten und traditionell mütterliche Aufgaben übernähmen. Eine Forderung, die weder in Barbara Vinkens Essay noch in der aktuellen Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhoben wird. Ursache ist der Dualismus des Muttermythos: Die Überschätzung mütterlicher Kompetenz ist gleichzeitig eine Unterschätzung der väterlichen. Aus Sicht der Frauen taugt der Herr Papa -  wie die erwähnte Allensbach-Studie belegt -  scheinbar nur als Ernährer. Selbst durch den Muttermythos geprägt, trauen Männer sich eine andere Rolle nicht zu oder erwägen eine solche erst gar nicht.

Neben dem Ausbau der Kinderbetreuung muss sich eine moderne Familienpolitik auch um diese gesellschaftliche Selbstblockade kümmern. Doch den revolutionären Uraltachtundsechzigern, die als selbsternannte Reformer und Modernisier inzwischen in der Regierung sitzen, fehlt dafür offenbar jegliches Problembewusstsein.

R. Sonnenberger